„Der Tag, an dem die Bahn nicht kam“

Autor: Florian Schütz — Montag, 2. Juli 2007 um 22:38 Uhr

So oder so ähnlich wird man den morgigen Vormittag vielleicht künftig überschreiben können. Die Lokführer der Deutschen Bahn AG wollen nämlich morgen streiken. Nachdem es heute schon punktuelle Streiks in einigen Gebieten Deutschlands gab, geht’s morgen ans Eingemachte: quasi bundesweit sollen alle Räder von 5 bis 9 Uhr stillstehen.

Ich gehe normalerweise zwar erst nach 9 aus dem Haus und fahre zur Arbeit oder Uni, aber bis nach einer derartigen Pause alles wieder rund läuft, dauert es Stunden, vermutlich wird auch bis zum Betriebsschluss nicht so richtig. Ich habe Alternativen, das ist zwar zeitraubender und umständlicher, aber ich bin damit in einer vergleichsweise günstigen Lage. So gut geht’s nicht allen.

Prinzipiell stehe ich Streiks kritisch gegenüber. In der heutigen Zeit bewegt man da oft kaum was, wenn der Arbeitgeber nicht von vorneherein dazu bereit ist. Gerade in Branchen wie dem ÖPNV vergrault man damit die Kunden, die eigentlich gar nix dafür können. Ich habe Verständnis für eine gewisse Streikdauer, aber wenn das länger dauert, schränkt es mich in meiner persönlichen Freiheit empfindlich ein. Ich habe kein Auto, ich mache meine Erledigungen entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad in der Umgebung oder fahre mit Bus und Bahn in die Stadt rein. Weitere Strecken lege ich mit Fernzügen der DB zurück. Verkehren diese nicht, sitze ich einigermaßen fest.

In den Tagesthemen (jetzt endlich in 16:9!) hat eine SWR-Redakteurin im Kommentar wenig Verständnis geäußert, da sie diese Streiks als Ergebnis verfeindeter Gewerkschaften sieht. Ich fürchte, sie hat da gar nicht so unrecht. Für Nicht-Eingeweihte: es gibt drei große Gewerkschaften bei der Bahn:

  • die GDBA, ursprünglich die Beamtengewerkschaft
  • Transnet, die größte Gewerkschaft, bei der Angestellte aus allen Geschäftsbereichen vertreten sind
  • GdL, die Gewerkschaft der Lokführer

Die Transnet wird gemeinhin zusammen mit der GDBA erwähnt und ist vergleichsweise unternehmensnah in den letzten Jahren. Dafür wird sie innerhalb der DB-Mitarbeitern vielfach kritisiert, aber sie vereint die meisten Bahnmitarbeiter. Sie fordert 7% Gehaltserhöhung, was angesichts des IG-Metall-Abschlusses vor einigen Monaten als Gesprächsgrundlage vermutlich nicht aus der Luft gegriffen ist.
Die GdL fordert einen Flächentarifvertrag für das Fahrpersonal, bei dem alle anderen Mitarbeiter komplett außen vor sind. Das ist insofern problematisch, weil für diese dann noch keine Einigung gefunden wäre. Dieser FPTV würde im Brutto-Grundgehalt teils saftige Gehaltssteigerungen von über 30% bedeuten. Diese Zahl wird gern in der Presse mit einem gehässigen Unterton verbreitet. Sie stimmt durchaus, wenn man sich nur das Grundgehalt betrachtet. Allerdings setzt sich ein Lokführergehalt aus diversen Zulagen zusammen, die im FPTV bereits enthalten wären, z.B. Wohenend-, Nacht- oder Schichtzulage. Das ergibt im Schnitt vermutlich noch Lohnsteigerungen von 10-15%, auch das sind aber noch saftige Zahlen.

Ich persönlich denke, dass die Herangehensweise der GdL in Konfrontation mit der Transnet nicht zum Erfolg führen wird. Die Bahn hält sich mit einem Angebot von 2% Lohnsteigerung in den nächsten beiden Jahren jeweils natürlich ziemlich zurück. Nach diversen Nullrunden wäre das zwar besser als nix, aber das gleich kaum den Reallohnverlust aus (mit dem allerdings nicht nur Bahnmitarbeiter zu kämpfen haben).
Die GdL-Position ist im Grunde zum scheitern verurteilt. Die Bahn würde damit zum einen Gehälter erhöhen wie das in den letzten Jahren ohne Beispiel ist und damit ihre shcönen Bilanzen trüben und zum anderen wäre dann immer noch das Problem mit den restlichen Bahnangestellten. Da wird unnötig viel Porzellan zerbrochen, da man vom Solidargedanken im Konzern abrückt. Ohne Gesichtsverlust kommt da die GdL nur nicht mehr raus.

Ich kann die Gewerkschaftler schon verstehen. Wenn man sich sowas schönrechnet und davon träumt, wie das mit so viel Gehalt wäre, verliert man manchmal den Bezug dazu, was wirklich möglich ist. Und ich halte die erwünschten Zahlen nicht für realistisch, das wird die Konzernspitze nicht mittragen. Wenn am Ende etwas in der Nähe der Transnet-Forderung rauskommt, können alle zufrieden sein. Ein Lokführer verdient nicht üppig, aber er verdient auch nicht schlecht für einen Ausbildungsberuf.

Ich würd auch gern mehr verdienen, wer will das nicht. Aber bitte, liebe Lokführer, streikt nicht zu lang, das schadet eurer Position insgesamt betrachtet mehr als es euch nutzt. Und am Ende kommt doch nix besseres raus. Man muss nicht auf das erstbeste Angebot eingehen, aber auf utopische Zahlen setzen kann man auch nicht.

So, ich hab schon wieder zu viel geschrieben, aber angesichts meiner ganzen Freunde im Bahnbereich beschäftigt mich dieses Thema einfach 🙂
In diesem Sinne: allzeit freie Fahrt!

3 Kommentare zu “„Der Tag, an dem die Bahn nicht kam“”

  1. Ben sagt:

    Ich habe die ganze Zeit gehofft, so eine ausgewogene Meinung im Forum zu lesen. Daß Du dem Haifischbecken ausgewichen bist, kann ich nachvollziehen.
    Mich trifft dieser Streik so gut wie gar nicht (die U-Bahn wird wohl voller sein), was ich meiner äußerst zentralen Wohn- und Arbeitslage zu verdanken habe. Die Frage ist halt, wie sieht die Alternative zu einem Streik aus?

  2. cohu sagt:

    Oh, das dass so kompliziert ist, war mir gar nicht klar 🙂
    Durch einen Radiobeitrag wurde ich darauf aufmerksam, dass es auch „kundenfreundliche“ Streikmöglichkeiten gibt, die in anderen Ländern bereits (erfolgreich) angewendet wurden, nämlich: man befördert, ohne Geld/Tickets dafür zu verlangen. Die Bahn zahlt drauf und der Kunde freut sich. (Hm, das funktioniert natürlich nur, wenn die Kontrolleure mitmachen, wenn es nur die Lokführer sind, bringts nix.) Fand die Idee aber ganz lustig.

  3. Ben sagt:

    Hm, diese Form des Streiks kann ich mir in dem doch so kontrollierfreundlichen Land so gar nicht vorstellen…


Valid XHTML 1.0!
IPv6 ready! Letzte Änderung:
1996-2017 Florian Schütz, mail@florianschuetz.de, Impressum | Yasni